Bonner Münster-Glocken werden unter die Lupe genommen

Fachleute der Hochschule Kempten erstellen "Musikalischen Fingerabdruck" - Testläuten für Klangmessung - Bedeutendes Barock-Geläut
25. Oktober 2017; Sebastian Eckert

 

BONN. Seit mehr als 250 Jahren verkünden Sie frohe und traurige Nachrichten und laden ein zum Gebet: Die acht Glocken des Bonner Münsters. Es ist das einzig noch zusammenhängende Geläut des bedeutendsten Glockengießers des Barock, Martin Legros. Im Rahmen der Generalsanierung werden jetzt auch die Münster-Glocken untersucht von Montag, 23. Oktober 2017, bis Freitag, 27. Oktober 2017. Während der Zeit werden die Glocken testweise zu unterschiedlichen Zeiten läuten. Die Klanganalyse wird durch das Europäische Kompetenzzentrum für Glocken „ProBell“ der Hochschule Kempten durchgeführt.

 

Montag, Dienstag und Mittwoch: Erfassung der dynamischen Eigenschaften der Glockensysteme, Erfassung der musikalischen Fingerabdrücke, Messung der tatsächlichen Glockenbeanspruchungen beim Läuten. Donnerstag: Messung der Turmschwingungen, die durch das Glockenläuten verursacht werden (jeweils mit und ohne Gegenpendel): Erfassung der dynamischen Eigenschaften der Gegenpendel. Freitag: Reservetag, falls es zu Verzögerungen kommt.

 

Die Fachleute nehmen den gesamten Glockenstuhl und das Geläut mit modernster Technik unter die Lupe. Falsche Aufhängungen oder ein zu starker Anschlag des Klöppels können beispielsweise die Glocke nach und nach unbemerkt beschädigen oder gar zerstören. Damit die Münster-Glocken noch lange läuten können, werden die Experten jetzt einen „Musikalischen Fingerabdruck“ jeder einzelnen Glocke erstellen. Dabei analysieren sie nicht nur das Klangverhalten und die Dynamik der Glocke selbst, sondern auch Einflussfaktoren wie die Läutemaschine, Klöppelinstallation und Klöppelaufhängnung. Die Ergebnisse der Analyse fließen in die Planungen zur Generalsanierung des Bonner Münsters ein. Glockensachverständige haben die Untersuchung empfohlen, um die Langlebigkeit eines der bedeutendsten Beispiele europäischer Glockengießkunst zu gewährleisten.

 

Das Europäische Kompetenzzentrum für Glocken – ECC ProBell hat Verfahren entwickelt, die es ermöglichen, das Gefährdungspotenzial des Läutens für eine Glocke zu bestimmen. Die Beanspruchungen einer Glocke beim Läuten werden mit geeigneten Computermodellen simuliert und anhand von vorliegenden Daten zur Lebensdauer und Ermüdungsfestigkeit der Glockenbronze bewertet. Mithilfe der Computermodelle lassen sich optimale Läute-Bedingungen und ein auf das jeweilige Glockensystem abgestimmter Klöppel berechnen.

 

Besonders stark gefährdet sind historische und große Glocken, deren Beanspruchungsgeschichte leider nicht bekannt sind. Um es bei solch wertvollen Glocken gar nicht erst zum Schaden kommen zu lassen, wurde der "Musikalische Fingerabdruck" von Glocken entwickelt, der es ermöglicht, bereits kleinste Anrisse im Materialgefüge festzustellen. In einem derart frühen Stadium eines Schadens kann dessen Ausbreitung noch mit einfachen und kostengünstigen Veränderungen an der Glockenaufhängung und den Läutebedingungen gestoppt oder stark verlangsamt werden.

 

"Die Erkenntnisse der Forschungen wurden bereits bei einer Vielzahl von bedeutenden Glocken in Projekten zur Anwendung gebracht. Der gebrochene Klöppel der Petersglocke im Kölner Dom wurde von uns berechnet, um einen erneuten Klöppelbruch auszuschließen und die Glocke in Zukunft schonender zu läuten. Verschiedene historische Geläute u. a. im Mittelzeller Münster/Insel Reichenau, im Eichstätter Dom und im Braunschweiger Dom wurden mit Hilfe des musikalischen Fingerabdrucks auf Schäden hin untersucht und wo erforderlich wurden Vorschläge für neue Klöppel erarbeitet", erklärt Dr. Ing. Dipl.-Theol. Michael Plitzner, Geschäftsführer vom Europäischen Kompetenzzentrum für Glocken ECC-ProBell.

 

Wegen der bevorstehenden Generalsanierung ist das Bonner Münster seit dem 23. Juli 2017 geschlossen. Nach dem letzten Gottesdienst läuteten auch ein letztes Mal alle acht Münster-Glocken. Sechs Glocken stammen aus dem Jahr 1756, eine aus dem Jahr 1757 und die kleinste Glocke ist rund 70 Jahre älter. Die sogenannte Kurfüsten-Glocke wiegt 3,4 Tonnen und hat einen Durchmesser von 1,78 Meter.

 

Generalsanierung
Mit der Initiative „Mein Herz schlägt fürs Bonner Münster“ ruft der Bonner Münster-Bauverein auf zur Unterstützung der Generalsanierung, die derzeit mit 20,22 Millionen Euro beziffert wird. Tiefe Risse, herabfallendes Fugenmaterial und eine unsichere Statik, so lautet die erschreckende Schadensbilanz einer detaillierten Bauanalyse. Seit dem 23. Juli 2017 ist das Bonner Münster geschlossen. Derzeit laufen die Vorbereitungen, zu einer der grundlegendsten Sanierungen der jüngeren Geschichte der in Teilen 1000 Jahre alten päpstlichen Basilika. Die Bauarbeiten beginnen im Frühjahr 2018 und dauern mindestens zwei Jahre.

 

ECC-ProBell - Forschung zum Wohle der Glocken
Auch im Europäischen Ausland wurden bereits einige bedeutende Glocken und Geläute in diesem Sinne untersucht:

  • Die große Glocke im Petersdom in Rom, sowie die Savoyarde in der Pariser Sacré Cœur auf Schäden
  • Die Pummerin im Wiener Stephansdom wurde 2011 untersucht und daraufhin mit einem von uns berechneten Klöppel mit geringerem Schadensrisiko ausgestattet.
  • Das Geläute im Berner Münster wurde von uns mit neuen Klöppeln ausgestattet, da die alten beim Läuten zu derart hohen Beanspruchungen führten, dass ein hohes Risiko für Schäden vorlag und eine eingeschränkte Klangqualität erreicht wurde.

Das Europäische Kompetenzzentrum für Glocken - ProBell® beschäftigt sich mit Kirchenglocken aus ingenieursmäßiger Sicht

  • Messung der Beanspruchungen und Ermittlung des Schadensrisikos läutender Glocken
  • Dynamische Simulation zur Optimierung der Läutebedingungen
  • Klang- und Schalldruckmessungen sowie Ermittlung des Musikalischen Figerabdrucks von Glocken
  • Schwingungsmessungen an Gebäuden und Kirchtürmen
  • Werkstoffwissenschaftliche Analyse von Schäden an Glocken, Klöppeln und Jochen
  • Optimierung des Glockengusses durch Gießsimulationen


Die acht Münster-Glocken
Glocke 1: Maria und Clemens, gen. Kurfürstenglocke, 3400 kg, Durchmesser: 178 cm, Schalgton: b –2
Glocke 2: Cassius und Florentius, Mallusius und Achatius, gen. Stadtpatrone-Glocke, 2400 kg, Durchmesser: 158 cm, Schlagton: c′ –7
Glocke 3: Helena-Glocke, 1650 kg, Durchmesser: 139 cm, Schlagton: d′ –7
Glocke 4: Donatus und Agatha, 1450 kg, Durchmesser: 132 cm, Schlagton: es′ –5,
Glocke 5: Joseph, 280 kg, Durchmesser: 77 cm, Schlagton: c″ –9
Glocke 6: Johannes Nepomuk, 200 kg, Durchmesser: 69 cm, Schlagton: d″ –6
Glocke 7: Dreifaltigkeit, 220 kg, Durchmesser: 70 cm, Schlagton: d″ +3 [=es″ –13]
Glocke 8: Jesus, Maria und Joseph, 110 kg, Durchmesser: 55 cm, Schlagton: fis″ [=ges″] –5

 

Stellungnahme des stellvertretenden Vorsitzenden des Kirchenvorstands der Kirchengemeinde Sankt Martin (Eigentümerin des Bonner Münsters Sankt Cassius, Sankt Florentius und Sankt Martin, Michael Bogen)
Das Bonner Münster beherbergt eines der bedeutendsten barocken Geläute weltweit. Es ist ein herausragendes Beispiel europäischer Glockengießkunst. Aber nicht nur das. Ob nun ein Papst stirbt oder ein Kind getauft wird: Mit den Glocken des Bonner Münster verbinden viele Bonner wichtige geschichtliche, emotionale und persönliche Ereignisse; freudige wie auch traurige, bedeutende wie alltägliche. Dem fühlen wir uns als Kirchenvorstand natürlich auch verpflichtet.

Wie in allen anderen Teilbereichen der Generalsanierung, so ist uns auch hier eine gute und grundlegende Bestandsaufnahme und Analyse sehr wichtig. Daher haben wir die Empfehlung des Glockensachverständigen selbstverständlich aufgenommen und lassen die Münster-Glocken jetzt nach neuesten Erkenntnissen durch die Fachleute aus Kempten untersuchen. Auf diesen Ergebnissen können dann auch nachfolgende Generationen aufbauen. Die Ergebnisse und Empfehlungen werden dann in die weiteren Planungen der Generalsanierung einfließen. Zunächst warten wir die Ergebnisse der Untersuchung ab.

Eines der bedeutendsten barocken Geläute weltweit


Es ist eines der bedeutendsten barocken Geläute weltweit: Die Bonner Münster-Glocken. Kurfürst Clemens August persönlich weihte am 8. Dezember 1756 die neuen Glocken der Klosterkirche des Bonner Cassius-Stiftes. Er war auch der Initiator für das neue Geläut, welches damals in unmittelbarer Nähe des Münsters gegossen wurde. Beim Bau der Münsterplatz-Garage wurden noch Teile der Gießerei gefunden.

Der Guss vor Ort war einerseits notwendig, weil es noch keine Tieflader gab, die solch schwere Teile Transportieren konnten. Immerhin bringt die größte Glocke 3,4 Tonnen auf die Waage. Insgesamt wiegen die acht Glocken aus Bronze fast 10 Tonnen. Doch war das Gewicht nicht der einzige Grund. Glockengießerei war Sache der Zünfte und Gilden, die fremde Fachleute nicht in ihr Gebiet ließen. Doch die Stiftsherren wollten einen besonders guten Gießer gewinnen, nämlich Martin Legros aus Malmedy (heute Belgien). Da das Cassius-Stift ein eigener Rechtsbereich war, konnte er auf diesem Gelände schalten und walten, sehr zum Ärger der einheimischen Kollegen.
 
Allerdings begann mit diesem Geläut der Aufstieg Legros im Rheinland und er wurde immer häufiger angefragt. Zuletzt verliehen ihm die Kölner Bürgerrechte, sodass er dann auch legal im Rheinland weitere Kirchen mit wunderbaren Geläuten austatten konnte. Doch im Bonner Münster gibt es bis heute das einzig noch zusammenhängende Geläut.

 

Das Wunder von Bonn
Dass die Münster-Glocken heute noch läuten ist keinesfalls selbstverständlich, denn während der Kriege wurden viele Glocken zerstört. Der Brand im hölzernen Glockenstuhl wird durch den Kamineffekt im Turm so sehr angeheizt, dass die Glocken schmelzen und der Glockenstuhl völlig zerstört wird. Schon deshalb wurden viele Glocken vorsorglich abgehängt zu Kriegszeiten. Andere wurden enteignet und aufgrund der Materialknappheit zu "Kanonenfutter" verarbeitet.

 

Als die Glocken Weihnachten 1945 wieder in den Münster-Turm gehängt werden sollten, ereignete sich ein schwerer Unfall. Als die Stadtpatrone-Glocke hochgezogen wurde, löste sich das Zugseil und 2,4 Tonnen Bronze rasten zu Boden. Im Normalfall würde eine Glocke zerbrechen. Doch wie durch ein Wunder kam niemand zu Schaden und aus der Glocke brachen nur kleine Splitter heraus. Und seitdem läutetet sie unverändert.

 

259 Glocken in den Katholischen Kirchen Bonns

Sie rufen zu Gottesdiensten, verkünden frohe und traurige Nachrichten und „vertonen“ die Zeit: Glocken. Insgesamt 259 hängen in den Türmen der Katholischen Kirchen und Kapellen in Bonn. Zu Weihnachten klingen sie nicht nur süßer, wie es in dem bekannten Lied aus dem 19. Jahrhundert besungen wird, sondern vor allem häufiger als zu jeder anderen Zeit im Kirchenjahr. Vor allem am Heiligen Abend laden sie zu zahlreichen Krippenspielen, Familienmessen und Christmetten ein, während der Glockenklang zu Silvester meist von Raketen und Feuerwerk übertönt wird.

 

Die älteste Bonner Glocke stammt aus dem Jahr 1412 und läutet in der Stiftskirche St. Peter in Vilich. Etwa 100 Jahre jünger ist die Martinus-Glocke in der Martinskirche in Muffendorf. Mit fast sechs Tonnen (5950 kg) und einem Durchmesser von 227 Zentimetern ist die Johannes-Glocke in Sankt Nikolaus in Kessenich die größte „katholische Glocke“ in Bonn. Sie wurde 1948 in Bochum gegossen, allerdings nicht wie üblich aus Bronze und Zinn, sondern aus Stahl. Gussstahlglocken waren vor allem nach den Weltkriegen ein preisgünstiger Ersatz für die zu vor beschlagnahmten Bronze-Glocken.

 

Wenngleich zunächst die weniger bedeutenden Glocken zu Kriegszeiten abtransportiert wurden, so verschwanden mit jedem Kriegstag mehr auch mehr und mehr Geläute. Davon verschont blieben die Glocken des Bonner Münsters. Es ist das einzig noch erhaltene zusammenhängende barocke Geläut des berühmten Glockengießers Martin Legros, der 1756 und 1757 sieben Glocken für das Cassius-Stift schuf. Hinzu kommt eine achte Glocke aus dem Jahr 1684, womit das Münster das größte freischwingende Geläut in Bonn hat.

 

Mehr Glocken hängen auf der anderen Rheinseite im Turm der Pfarrkirche Sankt Josef. Mit 62 Glocken ist das dortige Glockenspiel es eines der größten „Carillons“ Europas. Zu Weihnachten wird Glockenspieler Andreas Strauß fast 200 Stufen hinaufklettern, um vom Spieltisch im Turm weihnachtliche Melodien buchstäblich anzuschlagen.

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