Experten analysieren Münster-Glocken: Testläuten ab Montag

Fachleute der Hochschule Kempten erstellen ?Musikalischen Fingerabdruck - Bedeutendes Barock-Geläut
20. Oktober 2017; Reinhard Sentis (presse@katholisch-bonn.de)

BONN. Seit mehr als 250 Jahren verkünden Sie frohe und traurige Nachrichten und laden ein zum Gebet: Die acht Glocken des Bonner Münsters. Es ist das einzig noch zusammenhängende Geläut des bedeutendsten Glockengießers des Barock, Martin Legros. Im Rahmen der Generalsanierung werden jetzt auch die Münster-Glocken untersucht von Montag, 23. Oktober 2017, bis Freitag, 27. Oktober 2017. Während der Zeit werden die Glocken testweise zu unterschiedlichen Zeiten läuten. Die Klanganalyse wird durch das Europäische Kompetenzzentrum für Glocken „ECC-ProBell“ der Hochschule Kempten durchgeführt.

  • Montag, Dienstag und Mittwoch: Erfassung der dynamischen Eigenschaften der Glockensysteme, Erfassung der musikalischen Fingerabdrücke, Messung der tatsächlichen Glockenbeanspruchungen beim Läuten.
  • Donnerstag: Messung der Turmschwingungen, die durch das Glockenläuten verursacht werden (jeweils mit und ohne Gegenpendel)
    Erfassung der dynamischen Eigenschaften der Gegenpendel
  • Freitag:Reservetag, falls es zu Verzögerungen kommt

Die Fachleute nehmen den gesamten Glockenstuhl und das Geläut mit modernster Technik unter die Lupe. Falsche Aufhängungen oder ein zu starker Anschlag des Klöppels können beispielsweise die Glocke nach und nach unbemerkt beschädigen oder gar zerstören. Damit die Münster-Glocken noch lange läuten können, werden die Experten jetzt einen „Musikalischen Fingerabdruck“ jeder einzelnen Glocke erstellen. Dabei analysieren sie nicht nur das Klangverhalten und die Dynamik der Glocke selbst, sondern auch Einflussfaktoren wie die Läutemaschine, Klöppelinstallation und Klöppelaufhängnung.

 

Das Europäische Kompetenzzentrum für Glocken – ECC-ProBell hat Verfahren entwickelt, die es ermöglichen, das Gefährdungspotenzial des Läutens für eine Glocke zu bestimmen. Die Beanspruchungen einer Glocke beim Läuten werden mit geeigneten Computermodellen simuliert und anhand von vorliegenden Daten zur Lebensdauer und Ermüdungsfestigkeit der Glockenbronze bewertet. Mithilfe der Computermodelle lassen sich optimale Läutebedingungen und ein auf das jeweilige Glockensystem abgestimmter Klöppel berechnen.

 

Besonders stark gefährdet sind historische und große Glocken, deren Beanspruchungsgeschichte häufig nicht bekannt sind. Um es bei solch wertvollen Glocken gar nicht erst zum Schaden kommen zu lassen, wurde der Musikalische Fingerabdruck von Glocken entwickelt, der es ermöglicht, bereits kleinste Anrisse im Materialgefüge festzustellen. In einem derart frühen Stadium eines Schadens kann dessen Ausbreitung noch mit einfachen und kostengünstigen Veränderungen an der Glockenaufhängung und den Läutebedingungen  gestoppt oder stark verlangsamt werden.

 

Die Erkenntnisse der Forschungen wurden bereits bei einer Vielzahl bedeutender Glocken zur Anwendung gebracht. Der gebrochene Klöppel der Petersglocke im Kölner Dom wurde von so berechnet, um einen erneuten Klöppelbruch auszuschließen und die Glocke in Zukunft schonender zu läuten. Verschiedene historische Geläute u. a. der Frauenkirche in München, des Berner Münsters und des Freiburger Münsters wurden mit Hilfe des musikalischen Fingerabdrucks auf Schäden hin untersucht und wo erforderlich wurden Vorschläge für neue Klöppel erarbeitet.

 

Wegen der bevorstehenden Generalsanierung ist das Bonner Münster seit dem 23. Juli 2017 geschlossen. Nach dem letzten Gottesdienst läuteten auch ein letztes Mal alle acht Münster-Glocken. Sechs Glocken stammen aus dem Jahr 1756, eine aus dem Jahr 1757 und die kleinste Glocke ist rund 70 Jahre älter. Die sogenannte Kurfüsten-Glocke wiegt 3,4 Tonnen und hat einen Durchmesser von 1,78 Meter. Insgesamt wiegt das Geläut knapp 10 Tonnen.

 

Mit der Initiative „Mein Herz schlägt fürs Bonner Münster“ ruft der Bonner Münster-Bauverein auf zur Unterstützung der Generalsanierung, die derzeit mit 20,22 Millionen. Derzeit laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren bevor im Frühjahr 2018 die eigentliche Sanierung beginnt, die mindestens zwei Jahre dauern wird.

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